Übers Vergessen

Eine der kleinen fiesen Begleiterscheinungen bei meiner Krankheit ist die Vergesslichkeit. Vergesslich sein und Depression gehen oft Hand in Hand und machen das Leben eines Menschen mit Depression noch schwieriger. Denn durch meine Vergesslichkeit bin ich nicht nur immer wieder von mir Selbst genervt, oder muss mich bei meinen Mitmenschen erklären, sondern komme immer wieder mit Ämtern, Krankenkassen etc. in Konflikt. So habe ich dank meiner Vergesslichkeit schon so manchen Ärger mit dem Jobcenter gehabt, weil ich Fristen habe verstreichen lassen, obwohl ich alle Unterlagen beisammen hatte. Ist dann nicht witzig, wenn deine Mitmenschen darunter leiden. Im Gegenteil, es führt zu weiteren Selbstvorwürfen, Selbstzweifeln und extremen Downs. Leider sind die Ämter meinem Krankheitsbild gegenüber relativ unaufgeschlossen und sie ziehen die Sanktionen nicht zurück bzw. verschärfen sie bei Wiederholung. Sie begründen dies ganz einfach, ich könnte mir die Termine etc in einen Kalender schreiben. Klar, ich habe eine schwere Depression und bin nicht Dumm. Ich habe mir die Frist in meinem verdammten Kalender notiert, nur habe ich keine Ahnung in welchen Kalender und wo ich den wieder deponiert habe!

Ihr merkt, es ist nicht einfach. Ich habe mittlerweile 4 verschiedene Kalender auf dem Handy und langsam bleibt mein Handyspeicher konstant über 90%, trotz fast täglicher Speicherlöschung. Mein Handy ist halt etwas älter und ich habe nicht die Kohle mir eine neue größere Speicherkarte zu kaufen. Aber auch Kleinigkeiten, wie die Bitte den Müll mit runter zu nehmen, wenn ich das Haus verlasse, werden zu Problemen. Ich bejahe solche Fragen und gehe fünf Minuten später natürlich ohne Müll aus dem Haus. Sehr zum Unmut meiner Herzfee, die mir Traditionell 10 Minuten später dafür per Mail dankt, das ich es vergessen habe.
Sicher ist es Möglich durch kognitives Training das Hirn weniger löchrig werden zu lassen, aber wirklich besser wird es erst, wenn es mir auch besser geht und ich stabil bin. Also wird das noch dauern.

Weshalb ich diesen Text schreibe? Nein, nein, keine Angst, ich habe es nicht vergessen! Ich möchte euch auch die Nebeneffekte der Erkrankung „Depression“ näher bringen, denn manchmal ist ein „Du hast ein Gehirn wie ein Sieb!“ , oder „Du bist voll unzuverlässig! “ schnell gesagt, obwohl es von den Menschen mit Depression absolut keine Absicht ist. Wir Depressiven können nichts dafür, selbst wenn es so aussieht. Also, sollte euch ein Mensch mit Depressionen mal wieder nicht anrufen, oder nicht zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt erscheinen. Könnte es sein, dass es der Mensch wirklich einfach nur vergessen hat. Oder, so ist es mir schon passiert, das er einfach völlig in ne Stimmungsloch ist, weil er vergessen hat wo er seinen Schlüssel hingelegt hat.

Genug ausgekotzt, ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende.

Leeve Jroos

Euer Barschlamperich

Ein Kommentar zu „Übers Vergessen

  1. hi barschlamperich,

    kann da nur zustimmen, vergesslichkeit ist eine extrem unschöne begleiterscheinung von depressionen.
    neben „alltagsdingen“ und sozialen reaktionen, die aus der scheinbaren unachtsamkeit resultieren, wird das auch ein ganz fundamentales problem, wenn man beruflich eher geistig aktiv ist (völlig wertfrei gemeint).
    ich bin das, was man so schön, und altersunabhängig, „wissenschaftlicher nachwuchs“ nennt, vulgo forsche und lehre im akademischen mittelbau.
    seit der depression hat sich der aufwand für meine „haupttätigkeiten“ vervielfacht. es ist schon übel, wenn man mal wieder seine hausschlüssel nicht findet oder nicht weiß, was man vor 10 sekunden noch tun wollte. wenn ich jetzt aber z.b. einen aufsatz lese, auch mehrfach, um kurz darauf nur noch sehr grob etwas über dessen struktur und inhalt zu wissen (und ihn dann wieder lese, und wieder…), wird es grenzwertig.
    geschätzt hat sich bei mir der aufwand für ganz normale leistungen, also seminarvorbereitungen oder texte und vorträge verfassen, mindestens verdreifacht, damit das bisherige niveau (hoffentlich) gehalten werden kann. an schlechten tagen bekomme ich dann auch mal gar nichts hin, zumal die gedächtnisstörungen (bei mir) mit starken konzentrationsproblemen einhergehen. gerade in den stunden vor veranstaltungen ballere ich mir dann gerne nochmal panisch in bester bulimielernmanier die wichtigsten bzw. problematischsten fakten in den schädel, die im laufe des tages (aber zum glück erst nach dem kurs) dann wieder im nebel verschwinden.
    ohne abhilfe kann das ganz konkret existenzbedrohend werden, zumal es ja auch fristen bzw. mehr oder weniger offizielle altersgrenzen gibt, ab denen der weitere verbleib in diesem bereich sehr schwer ist, auch ohne krankheit.

    ich schreibe das nicht, um in irgendeinen wettbewerb zu treten, wem es schlechter geht o.ä., sondern weil ich mich (unsozialerweise) sehr gefreut habe, zu lesen, dass ich nicht der einzige mit dem problem in diesem ausmaß bin…

    wie du habe ich aber auch gemerkt, dass gute tage oder eine dauerhaft wirksame medikation einen deutlichen effekt erzielen. mir hat ein neurologe mal erklärt, dass es das phänomen der depressiven pseudodemenz gibt, also die störungen so schlimm werden können wie bei konkretem pathologischem geistigen abbau. zum glück ist es aber in unserem fall reversibel, und zwar, laut dem neurologen, vollständig.

    in diesem sinne wünsche ich dir alles gute, eine dauerhaft wirksame medikamentation und eine schnelle rückkehr in das, was man im weitesten sinne als das normale leben bezeichnen kann,
    m.

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